Adios, Zàijiàn und Tschüs… oder Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel

Gut 5 Monate sind wir nun zurück in Deutschland, 7 Jahre “Auf-Achse-Sein” sind beendet. Zeit, ein bißchen zu reflektieren. Und in alten Fotos zu kramen!

Nehmen wir doch das Pralinenschachtel-Ding als Aufhänger: Man weiß nie was man bekommt! Und so war es: Ein Anruf aus Deutschland, ein Jobangebot: Here we are! Zurück in Deutschland!

Das Ganze kam uns dabei nicht unbekannt vor – bedeutete doch auch in Peking ein überraschendes Jobangebot das vorzeitige Ende für unseren Aufenthalt im Reich der Mitte!
Und als wäre Leben und Einleben im Ausland nicht aufregend genug, bringen unvorhergesehene Dinge, wie ein vorzeitiger Abzug der Arbeitskraft, dann erneut Unruhe in Alltag und Lebensplanung.

Wie aber läuft das eigentlich generell – Leben im Ausland und wie kommt man dazu?

Nun, zunächst ist da das Unternehmen, welches international agiert…
Wichtiger aber: Auslandsleben ist eine Entscheidung, die gemeinsam getragen werden muss. Der eine oder andere wird sonst früher oder später ein Problem damit bekommen.

Frau Buntlocke – ziemlich blauäugig und unvoreingenommen, Peking 2011

Randnotiz: Was für den Mann quasi “nur” das Büro in einem anderen Gebäude (in einem anderen Land), ist dann für die gemeine, expatbegleitende Hausfrau ein komplett neues Universum. Das fängt beim Stoßgebete absenden, dass der Lieferant für Trinkwasser einen endlich finde möge, an und hört beim Diskutieren mit Landsleuten, die einem gerade auf der ausländischen Straße ins Auto gefahren sind, auf. Dazwischen noch ‘n bissel täglich Allerlei wie Kindergarten, Schule, Schwangerschaft und Geburt – vom Umzug an sich mal ganz zu schweigen. Wenn man Pech hat, kommen noch Naturkatastrophen hinzu.

Hört sich letztendlich doch irgendwie so an, als würde nur einer die Last tragen, oder?!? Eine Dose Mitleid an dieser Stelle bitte für die den Auslandsentsendeten begleitende Frau, die die Entscheidung durch das tägliche Allerlei manchmal gefühlt mehr trägt, als der andere im Bunde! 😆  

Aber gut… Zuvor haben wir uns erst mal gemeinsam für das Auswandern auf Zeit entschieden. So brachten wir unseren 1,5 Jahre alten Sohn das 1. Mal in seinem Leben für mehrere Nächte bei Oma und Opa unter, flogen im Frühjahr 2011 nach Peking, um uns die Stadt anzusehen und eine Bleibe für drei Jahre zu suchen. (Oder komplett einen Rückzieher zu machen, was aber im Grunde eigentlich nicht mehr möglich ist, sobald dieser Schritt getan ist!)

Was soll ich sagen… ich stieg aus dem Flieger, betrat eine komplett andere Welt und sobald die Hotelzimmertür hinter mir ins Schloss fiel, hab ich erst mal ‘ne Runde geheult!

Chinesische Mauer, Juni 2013

Warum? Nun, die chinesische Welt ist wirklich eine andere und der Gedanke daran, dass wir dort für 3 Jahre zu Hause sein sollten, löste zunächst widersprüchliche Gefühle in mir aus. Außerdem: Die Nabelschnur war nach der Geburt irgendwie nicht richtig gekappt worden… Sie wurde nur während des Fluges unheimlich gedehnt und ich hatte das Gefühl, dass über die gut 7.600 km die Durchblutung nicht richtig stattfinden konnte! Der kleine, daheimgebliebene Baby-Mann fehlte mir unglaublich! (Ich ihm mal gar nicht! Aber das nur nebenbei…)


Chinese New Year, Hong Kong 2012

Und das war er! Der Startschuss unserer knapp 7-jährigen Expatleben-Reise.
Aus ursprünglich angesetzten 3 Jahren wurden mehr. Ein neues Projekt rief und die Exotik vom ungewissen Auslandsleben, dann in Mexiko, war (trotz nicht immer einfachen Zeiten in China – ich sag nur exorbitant hohe Luftverschmutzung) unheimlich verlockend. Als kurze Verschnaufpause führte uns dieses neue Projekt jedoch 2014 zunächst für ein Jahr nach Süddeutschland. Für den aus China zurückkommenden Norddeutschen Heimat und Ausland zugleich… Wir haben es dort geliebt!
Der Anblick eines roten Übersee-Containers – mittlerweile schon vertraut! 

Nach weiteren 3 Jahren in Mexiko stand dann Ende 2017 fest, dass dieses verrückt interessante aber auch kräftezehrende Leben nun ganze 6 Monate eher als geplant dem Ende zugehen sollte.

Ich fuhr wie in Zeitlupe mit meinem sehr amerikanisch gefederten Wagen auf Mexikos durchlöcherten Straßen, unter strahlend blauem Himmel im bis dahin verrücktesten Strassenverkehr meines Lebens. Latino-Musik dudelte im Radio und ich ließ meinen Blick über dieses Land schweifen – seine Leute und die lokalen Gegebenheiten. Meine Augen schwammen.

“Ich geh’ nach Hause! Nach so langer Zeit!!”

Sicher, wir haben das alles so gewollt! Aber im Laufe der Zeit kommen da Dinge hinzu, die man im Vorfeld nicht so auf seiner Rechnung stehen hat. Die Gewichtigsten: Unsere Familie wuchs um 2 weitere Kinder und der Mann erreichte über die Jahre (unsere persönliche) Hemisphäre übersteigende Arbeitszeiten. Dazu die Familie in der Heimat nur höchstens ein Mal im Jahr zu sehen, reichte nicht mehr aus.

Außerdem: Mit jedem Lebensjahr und Kind, welches hinzukam, stellte ich fest, dass ich ein Mensch mit Wurzeln bin.

Home sweet home in Peking, China, Dezember 2013 (mit für Peking ungewöhnlich viel Schneefall)

Ich sehe mir gern die Welt an, versuche andere Sprachen zu lernen (“Wô hē hóng pútáojiǔ, xièxie!”  – “Ich nehme Rotwein, danke!” – an die wichtigsten Sachen erinnert man sich irgendwie… 😉 ), doch mit der Zeit wuchsen mir da im Ausland Luftwurzeln und da ich wohl eher in die Kategorie deutsche Eiche als exotische Orchidee einzuordnen bin, kann ich mit Luftwurzeln nicht lange leben. Sie mussten jetzt einfach wieder in die Erde.

Und wo ich eingangs sagte, dass wir die Auslandssache immer gemeinsam getragen haben – wir trafen zusammen auch die Entscheidung, dass es Zeit wird, nach Hause zu gehen. 

Der Mehraufwand, der alltägliches Leben im Ausland bedeutete, war mit ewigem Sonnenschein und der ganzen Exotik nicht mehr aufzuwiegen. Gerade das Thema Sicherheit wurde in Mexiko zunehmend ein größeres und die Sehnsucht nach einem festen Wohnsitz größer.

Home sweet home in Puebla, Mexiko, Dezember 2017 (bei Trockenzeit und viel Staub)

So bereitete ich stoisch, voller Elan und keine Sekunde an Abschiedsschmerz verschwendend den Umzug vor. Unser gesamtes Hab und Gut verschwand nach und nach in Kisten. Ich lief wie ein Uhrwerk.

Wie sehr ich jedoch dieses endgültige Heimkehren brauchte, erkannte ich, als dann nach 4 Tagen des Packens der große rote Übersee-Container erneut vorfuhr. Ich heulte!
Ausland und damit ein (vor allen während der letzten Jahre) für mich verbundener großer Punkt: Mit allem und allen allein dastehen – es hatte ein Ende.

Und das Heimkommen?

Anfangs scheint es, man geht mal eben ins Ausland, kommt wieder und macht einfach dort in Deutschland weiter wo man aufgehört hat.

Jedoch stellt man fest, dass dem nicht so ist. Das Leben der anderen geht ebenfalls weiter, Kinder wachsen “davon”, Erwachsene werden älter. Das Zuhause ist auch nicht gleich Zuhause. Man muss es sich erst auch wieder erkämpfen. So wie im Ausland oder jedem anderen neuen Wohnort.

Aller Anfang ist eben schwer!

Auch, weil man längst nicht mehr die ist, die naseweis ins Ausland aufgebrochen ist. Man ist verändert.
Zudem noch in unserem Fall: Zuhause ist es nun für uns nur im Sinne von Heimatland. Durch unseren Hausbau aus der Ferne in einem komplett neuen Ort, gibt es jetzt wieder viele Unbekannte Größen für uns.


Unsere Aussicht aus der 1. Etage in Puebla, Mexiko: der aktive Vulkan Popocatépetl, Januar 2017

Kinder zu integrieren und ihnen das neue, lang ersehnte Traumhaus als Zuhause unterzujubeln ist eine besondere Aufgabe. Und mal ganz nebenbei: Deutsche Handwerker können, genauso gut wie Auslandsaufenthalte, auch jede Menge graue Haare bescheren. 

Die ganzen Abwicklungen der letzten Monate ließen mich, seit Offiziellwerden der der verfrühten Rückkehr, ununterbrochen unter Strom stehen. 
Dazu das Vorbereiten des neuen Hauses auf die Ankunft von 266 Umzugskartons und die Kinder mit deren Sorgen durch die neuen Umstellungen auffangen. Wenn einem als Erwachsener so ein Umzug mental beschäftigt, was läuft dann erst bei dem Nachwuchs ab!?

Zum 4. Mal Umzugskisten, Mexiko, Januar 2018

Während der Mann noch einen weiteren Monat im Ausland verbrachte, bevor er uns endgültig folgen konnte, ereilte mich ganz oft das “Zahnfleischgeh”-Gefühl.

Jetzt, gut 5 Monate nach meiner Rückkehr, komme ich langsam zur Ruhe, habe Zeit zum Durchatmen und… werde sentimental! Ich denke an die vielen Jahre zurück und an das was sie uns gebracht haben. 

Ich habe so viel im Alltag erlebt, Länder und Leute gesehen, dass es mir gar nicht möglich ist, alles wiederzugeben. Diese Jahre waren die härtesten aber auch die besten unseres bisherigen Lebens. Wir sind gewachsen. Nicht nur als Familie sondern auch persönlich. Jeder für sich – die Großen wie die Kleinen. Freunde, Bekannte, Gewohnheiten und Orte fehlen uns jetzt plötzlich. Manchmal kommt es einem so vor, als wäre das alles nicht real gewesen. Nur ein Film. Ich betrachte Fotos aus den vergangenen Jahren und denke: Das sind wirklich wir da??!
Was haben wir alles erlebt! 

Würde ich all das genau so wiedermachen?


Ein letztes Mal verschwinden Hab und Gut in einem Übersee, Mexiko, Januar 2018

Ja! Vielleicht mit kleinen Änderungen hier und da, aber dennoch ein klares Ja! 
Sicher haben wir auch große und kleine Wunden davon getragen, viele Zugeständnisse gemacht. Besonders das Erlebte vom vergangenen September hat mich persönlich eine ganze Weile begleitet – selbst heute noch reagiere ich auf bestimmte Geräusche (als der Nachbar seinen Rüttler angeschmissen hatte und meine Gläser in der Vitrine anfingen zu klirren, bin ich doch tatsächlich für einen Bruchteil einer Sekunde mal halb panisch geworden… ). Aber…

Worüber andere in Deutschland jammern, kann ich nur lächeln. Wo MEINE Falten und graue Haaren herkommen, weiß ich ganz genau!
Ich werde nie wieder ein Fenster öffnen, ohne nicht dankbar zu sein für frische Luft, ich werde immer ganz bewußt die Farben und den Duft wahrnehmen, welchen der Frühling in Deutschland bringt. Ich bin dankbar für die Sicherheit, die mir deutsche Polizisten vermitteln.
Allein dieses Glücksgefühl, wenn ich hunderte Meter voraus meine Kinder laufen sehe, ohne dass ich Angst haben muss, dass sie jemand wegschnappen könnte. Die Liste ist so lang. 

Wir alle können dankbar sein Deutschland als Heimatland bezeichnen zu dürfen! Es gibt so viel Gutes, das leider viel zu wenige Menschen zu schätzen wissen und noch sehr viel weniger Menschen auf der Welt je von ihrem Heimatland behaupten können. – Klar, wo Licht ist, ist auch Schatten. Aber wir Deutschen verfügen über ‘ne ganze Menge Licht! Das kann man nicht anders sagen…

– Zeit zum Ende zu kommen! –

It’s been a blast! Wie man auf Englisch so schön sagt!

Das war es wirklich! PS. Eventuell kommt mir hierbei auch die menschliche Stärke der Verdrängung zu Hilfe… am Ende behält man doch mehr das Gute in Erinnerung!
Dennoch: It’s been a blast!

Historisches Zentrum Puebla, Mexiko, März  2017

Das sage ich mit manchmal nun doch etwas schwerem Herzen, obwohl meine ersten Worte zum Thema Auslandsbereitschaft waren: Ich gehe überall hin! Mit Ausnahme von Dritte-Welt-Ländern bzw. grundsätzlich schon mal nicht nach China, Indien und Russland! 

Dumme kleine Buntlocke! 7 Jahre später weiß sie es besser!

Adios, Zàijiàn und Tschüs…

Ich bin so dankbar, wieder glücklich und gesund in Deutschland zu sein und ich vermisse das Ausland und die dort getroffenen Leute wie verrückt!

Eure Janine

 

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Bettina

Das hast Du sehr, sehr interessant beschrieben – ich bin wirklich berührt und kann Vieles gut nachempfinden .
Du bist unglaublich stark und mutig!
Liebste Grüße
Bettina

Dana
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Dana

Liebe Janine, auch hier sind gerade alle drei Kinder mal mit Papa zum Einkaufen und der Blick auf deinen insta Account leitete mich zu deinem Artikel. Mir kamen zwischendurch wirklich die Tränen. So eine unglaubliche Erfahrung mit all ihren Facetten gemacht zu haben, lässt sich bestimmt kaum in Worte fassen. Noch weniger kann ich mir sie vorstellen. Ich wünsche euch in eurem neuen, wunderschönen Zuhause eine ganz besondere Zeit!
Viele Grüße
Dana

PS: ich hoffe, deine Worte über unser Heimatland werden vielfach gelesen.