Ein Monat nach dem Beben… und ich dachte, ich wäre taff!

Definition “taff sein”, Quelle: https://de.wikihow.com/Taff-sein:
“Taff zu sein bedeutet viel mehr, als große Sprüche zu klopfen. Taffe Menschen meistern schwierige Situationen mit Kraft und Anmut*. Sie bleiben positiv, anstatt ihren Tag durch Kritik bestimmen zu lassen und sie sind diejenigen, die freiwillig helfen, wenn jemand die Führung übernehmen muss. Wie auch Weisheit kann taff zu sein nur durch Erfahrung erworben werden. Im Grunde bietet dir jedes Problem, dem du dich gegenüber siehst, die Möglichkeit taffer zu werden. […]”
(*daran arbeite ich noch)

Alles klar?

Hier ein Rückblick auf meine Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre, von denen ich dachte, sie hätten mich taff gemacht. 

(Alles was sich vor 1997 abgespielt hat, ist das was jeder durchmacht und wird daher nicht sonderlich erwähnt: Pubertät und erste Liebe! – Oh Gott, hör’ mir auf… Da durch diese “nicht Fisch und nicht Fleisch”-Zeit ja alle durch müssen, wird hier schon mal generell eine gute Grundlage zum “taff sein” gelegt.)

Dann legen wir mal los. Die wichtigsten und prägendsten Punkte in Buntlocke’s Biografie:  

1997 ist sie mit ‘nem Enduro Cross Motorrad durch die Wedemarker Walachei gebrettert (das ist bei Hannover) und hat Fahren geübt. Ein Jahr später hat sie Führerschein gemacht für PKW und Motorrad. Dann folgte Abitur, die Ausbildung und dann ist sie das erste Mal allein auf einen Langstreckenflug (nach Kanada) gegangen. Anschließend ging sie studieren und währenddessen hat sie mit dem damaligen Freund ein altes Haus gekauft.

Danach war sie als Praktikantin in Mexiko, kehrte zurück und hat den damaligen Freund geheiratet. Die Arbeitswelt kam und das erste Mutterglück. In der Zwischenzeit hat sie sich Jahr für Jahr mit dem Göga an dem alten Haus irre renoviert.

Dann dachte sie, sie würde erneut mit Mutterglück beschenkt werden. Das “Denken” hielt genau 9 Wochen, dann war “es” weg… 

Aber wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere: Das Abenteuer Ausland begann. Also hat sie das halbe Haus zusammengepackt und ist mit Mann und Kind für knapp drei Jahre nach China.

Da hat sie erneut den Führerschein gemacht und ist in Peking Auto gefahren, hat Chinesisch gelernt, ein weiteres Kind zur Welt gebracht und ungeahnte Smog-Höhepunkte erlebt.

Zwischendrin hat der Göga sich 5 Brüche an Schien-, Wadenbein und Mittelfuß zugezogen und sie ist allein mit dem doppelten Mutterglück auf Langstrecke durch die Gegend geflogen.

Dann hat sie wiederum einen Container gepackt und ist von China nach Süddeutschland gezogen. Das alte Haus in Norddeutschland wurde verkauft – alles übrige darin ebenfalls veräußert oder nach Süddeutschland transportiert…

Nach einem weiteren Jahr hat sie erneut und noch viel mehr als jemals zuvor, sprich alles was sie besaßen, in den Container gepackt und ist nach Mexiko umgezogen.

Da hat sie wieder ‘n Führerschein gemacht und fährt seit dem dort Auto. Da hat sie dann zwei Unfälle und unangenehme Begegnungen mit Polizisten (die halten einen einfach mal an und wollen Geld…), bekommt ihr drittes Kind, baut ein Haus in Deutschland aus der Ferne und sieht Ihren Ehemann so selten wie nie zuvor.

 – Bis dato dachte ich also, dass nach allem was ich bisher so gemacht, erlebt und belebt habe, mich nichts so schnell umhaut. 

Nun, bis mir eine Naturkatastrophe mal nen fetten Strich durch die Rechnung gemacht hat: besagtes Erdbeben am 19. September hier in Mexiko.

Ich muss mir eingestehen, obwohl wir alle heile aus der Sache rausgekommen sind, die materielle Schäden (im Sinne von einigen Scherben) sich sehr in Grenzen halten und auch unser Haus noch ohne Risse steht… – Mich hat das Erdbeben umgehauen!

Viele haben mich gefragt, was wir so gemacht haben in den Tagen danach; wie wir uns wieder berappelt haben.

Also es war in erster Linie genau das, was das obige Foto ausdrücken soll…
Ich hab mich eingeigelt! Es mir und den Kindern so gemütlich wie möglich gemacht. Wir haben auf dem Sofa gelümmelt, gebastelt, gemalt, gestempelt, ferngesehen, Kuchen gebacken, gekuschelt, genascht und waren auf dem Spielplatz vor der Haustür… 

Drei ganze Tage haben wir unser Wohngebiet nicht verlassen.
Ich konnte nicht!
Am Samstag nach dem Erdbeben dann mussten wir jedoch raus – der Kühlschrank war leer! Und da traf es mich doch noch mal mit voller Wucht: Die vielen privaten Fahrzeuge, die Konvois bildeten – voll bepackt mit Hilfsgütern und mit handgeschriebenen Nummern, die die Zusammengehörigkeit auswiesen, auf den Heckklappen. Große LKWs beladen mit speziellem, für Babys und Kleinkinder geeignetem Wasser… Voll beladene Einkaufswägen, ausverkaufte Konserven und lange Schlangen an den Kassen.


Ich bekam noch mal so richtig Gänsehaut! Meine Verdrängungstaktik hat ganze drei Tage funktioniert. Bei dem Anblick der vollen Tankstellen und Straßen, stieg mir wieder das Wasser in die Augen.
Und ich fühlte mich schlecht deswegen. Schließlich ist doch alles ok bei uns!! Alle anderen machen auch weiter!

Heulsuse!! Schalt ich mich! Taff ist anders…
 
Aber ich konnte nicht aus meiner Haut. Viele Tage spielte sich die Szene immer wieder in meinem Kopf ab: Ich, der kleine Fratz in seinem Stuhl, meine Tochter, das Wackeln, das Rennen, die Ungewissheit wegen dem großen Kind und dem Mann in der Firma.

Nachdem dann Ende September die Schule wieder ihren Betrieb aufnahm und der wohltuende Alltag einkehrte, kriegte ich mich langsam wieder ein. Ich kaufte ein und spendete. Ich sortiere und krame – auf was kann man verzichten, was können Menschen in Not gebrauchen? Das hilft mir.

Aber dann und wann holt es mich noch in der Nacht in meinen Träumen wieder ein. Ich ertappe mich dabei, wie ich innehalte und auf wummernde Geräusche lausche. Wie ich, wenn ein LKW vor dem Haus rattert (die Nachbarn haben ein Business und immer wieder mal fährt ein großes Fahrzeug vor), kurz die Luft anhalte und die Vibrationen erspüre. Immer bereit loszurennen.

Und ich halte den Flur als Fluchtweg frei. 

Ich ärgere mich dann über mich selbst, dass ich nicht loslassen kann und während ich den Kindern versichere, dass sie getrost schlafen gehen können, bete ich, dass dem wirklich so ist. 

Da denke ich natürlich vermehrt: Es ist nun wirklich Zeit. Zeit für den Heimathafen! Zeit für andere “Probleme” (Erdbeben gibt es zumindest in Deutschland nicht!) …und auch Zeit für ein etwas nervenschonenderes Leben.

Immer währender Sonnenschein, blauer Himmel, Palmen, buntes Leben, gutes Essen… Das klingt toll, aber all dem kann ich nicht mehr viel abgewinnen. Es ist jetzt eher trügerisches Idyll. Ich möchte wieder verlässlich! Nehme Grau gern in Kauf! Wertschätze Familie mehr als zuvor!

In gut 9 Monaten ist es soweit.

Während andere Expats von einem Ort zum anderen wandern – wir haben genug gesehen und erlebt. Wir wissen Heimat zu schätzen.
Nichts desto trotz bin ich dankbar! 


– Und dann denkt sie, dass sie doch ein bisschen taff ist. –

 

Achtung, um Lichtjahre jünger machender Porträt-Filter!  #fürmehrirrealitätiminternet 

Es heißt, man wächst mit seinen Aufgaben.
Ich glaube, wenn man als expatbegleitender Partner im Ausland ist, kann man nur gewachsen aus der Sache hervorgehen. Egal wie es läuft – und es läuft ganz oft wirklich nicht gut! Manchmal ist einem zum Heulen. Manchmal möchte man das Handtuch schmeißen.
Eitel Sonnenschein gibt es, aber hinter der Fassade sieht es oft auch anders aus und das ist nur allzu menschlich – und erlaubt!

Ich behaupte, ich bin gewachsen. Glücklicherweise nur was die Persönlichkeit betrifft, denn mit 1,82 m Körpergröße kann ich auf weitere Zentimeter gut verzichten…

Aber ich lasse mir nicht mehr die Butter vom Brot nehmen! Und schon gar nicht in diesen wenigen letzen Monaten, die uns hier nur noch bevorstehen. 

Ich bin stolz darauf, was ich und wir als Familie geschafft haben. Ich bin stolz auf meinen (wie stets von mir liebevoll genannten) Göga, der neben dem Job, dann ab und an auch seine Göga(ttin) wieder “einfängt”, wenn die kurz mal zwischendurch am Rad dreht.

Wir haben viel entbehrt, aber auch sehr viel gewonnen und die letzten Jahre haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. 

In meinem Fall ist das… Äh, ne Heulsuse, wenn es um Erdbeben geht und offenbar (O-Ton einer ehemaligen Nachbarin): ne “taffe coole Socke” in vielen anderen Dingen. 😆 

Das lass ich jetzt einfach mal so stehen. Ganz ohne eingebildet zu sein. Ihr versteht schon, Abteilung “Geht mal runter wie Öl” und so… 

Aber um noch mal die abschließende Kurve zum Thema “taff sein” zu kriegen:
In meinen Augen (und da spricht auch die Erfahrung und bescheidene Altersweisheit, die man eben so mit 37 Jahren und nach einigen turbulenten Jährchen im Ausland haben kann) gehört kein Auslandsaufenthalt zum taff sein oder werden. Jede Frau, die ihren Mann steht, aber auch jeder Mann, der seine Frau steht, ist in meinen Augen taff. Jeder eben auf seinem Gebiet und in seinem Dunstkreis.

Was ich aber durch die Vagabunden-Zeit im Ausland gelernt habe:
Von wegen der erste Blick/Eindruck und so. Es lohnt sich sehr oft, an der Oberfläche zu kratzen. Manchmal gehört auch Überwindung dazu… manchmal tritt auch der “ich hab’s ja gewusst”-Effekt ein, aber ganz oft erlebt man auch eine Überraschung und generell tut ein bisschen Weitblick ganz gut. Rauszoomen und Situationen mit etwas mehr Objektivtät betrachten. So erkennt man taff sein auch im Kleinen.

So, den Satz mit der Objektivität vergess’ ich schnell noch mal kurz… hinsichtlich meiner Gefühle zum Thema Erdbeben! 😉 Und ich hör’ dann jetzt auch mal auf mit philosophieren! Statt dessen koche ich mir lieber noch ‘ne Tasse Kaffee und igel’ mich für ein paar weitere untaffe Minuten ein…

Liebe Grüße an alle coolen Socken da draußen.

Eure Buntlocke 

 

 

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2 Kommentare auf "Ein Monat nach dem Beben… und ich dachte, ich wäre taff!"

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Lina
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Hallo!!
Ja das stimmt. Die Zeit als Expat lässt einen wachsen. Ich sehe es vor allem bei meinen Kindern.Die haben hier so unglaublich viel mitgenommen. Das kann ihnen keiner mehr nehmen.
Ich wünsche euch noch 9 tolle Monate…
Und die Firma deines Mannes garantiert ihm eine Stelle in Deutschland?? So , wenn ihr wollt für immer? Wir wissen noch nicht wohin es geht nächsten Sommer…wir sind gespannt!

Herzliche Grüsse aus Bukarest
Lina