Erdbeben in Mexiko und wir mittendrin


Wenn ich jemals in meinem Leben einen richtig schlimmen Tag hatte, dann war das gestern!

Der 19. September 2017 wird für immer in mein Hirn eingebrannt sein. Der Tag an dem die Erde bebte – schon wieder! Denn erst vor wenigen Tagen, am 8. September, bebte sie bereits schon einmal. 

Dieses Mal (übrigens mein 4. Beben insgesamt) jedoch war es anders. Es passierte tagsüber, das Epizentrum befand sich sehr viel dichter dran und die Wellen verliefen vertikal. So schwankte nicht nur das Haus hin und her wie vor 11 Tagen, sondern es wackelte richtig heftig und ich hatte Panik wie noch nie zuvor.

Was genau ich erlebt habe, muss ich heute niederschreiben – wohl einfach auch, um es zu verarbeiten:

Seit 2011 sind wir nun weg von Zuhause und ich hatte im Ausland bereits so manche Situation, die mir zu schaffen gemacht hat; in der ich mich unsicher fühlte. Die jeweiligen Schwangerschaften und Geburten in China und Mexiko waren dabei noch relativ harmlos, wenngleich auch nicht weniger aufregend.

Aber dieser Tag war wie kein anderer zuvor. Wenn ich an den Moment denke, der kurz mein Leben aus den Angeln hob, muss ich noch immer schwer schlucken.

Es war gegen 13.15 Uhr Ortszeit.
Meine Tochter (4) kam gerade mit dem Schultransport nach Hause. Sie hatte noch nicht mal die Schuhe ausgezogen und hielt einen bunten, blinkenden Ball in den Händen, den sie am Vormittag im Kindergarten bei einer Geburtstagsfeier bekommen hatte und mir stolz zeigte. Mein jüngster Sohn (16 Monate) saß in seinem Hochstuhl und mampfte Nudeln mit Tomatensoße.

Da begann es. Merkwürdigerweise bekam ich erst einen urplötzlichen, stichartigen Kopfschmerz und dann dachte ich, mein Kreislauf verabschiedet sich plötzlich und sehr spontan mal komplett. Bis ich binnen Bruchteilen von Sekunden realisierte, dass nicht etwa die Welt in meinem Kopf sich drehte, sondern der Boden wankte! Ein unheimliches Geräusch kam dazu, das Haus zitterte und schwankte.

Mit einem Satz war ich bei meinem Sohn und zerrte ihn aus seinem Hochstuhl, schrie meine Tochter an, sie solle sofort rauslaufen… Sie war wie erstarrt!

Ich rannte mit meinem kleinen Sohn auf dem Arm los und riss meine Tochter mit mir. Sie fiel und ich stolperte. Ich konnte mich fangen und rannte weiter – meine Tochter zerrte bzw. trug ich irgendwie mit gestreckten Arm nach draußen. Während ich lief, hörte ich es poltern im Haus. Irgendwelche Dinge fielen herunter und ich hatte Panik, dass das ganze Haus zusammenfallen könnte.

Hektisch winkend sah ich meinen Nachbarn auf der Straße stehen. Wir liefen zu ihm und ich hockte mich auf den Boden, umklammerte meine Kinder, sah alles um mich herum schwanken, hörte diese beängstigenden Geräusche und fragte mich, was mein 8-Jähriger Sohn in der Schule und mein Mann in der Firma gerade machten – betete, dass es ihnen gut ging.

Mein Sohn, mit rotem Tomatensoßen-Mund und noch das Lätzchen um den Hals, wimmerte, meine Tochter war stumm, blickte total verstört um sich und ich realisierte auf dem heißen Kopfsteinpflaster, dass ich nicht mal Schuhe anhatte. Unglaublich, wie so der Überlebenstrieb einsetzt. Man rennt einfach nur los.

Als sich alles wieder beruhigte, blieben wir dennoch weiterhin vor dem Haus. Nach einer Weile holte ich nur schnell mein Handy. Alle Leitungen und Netze waren tot, aber WhatsApp funktionierte! Ich erreichte meinen Mann und war heilfroh!
Ich erfuhr auch, dass in der Schule soweit alles in Ordnung sein sollte.

 

Das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 7,1 war nur gute 50 km von Puebla entfernt.


Noch bevor in Deutschland etwas in den Medien berichtet wurde, sendete ich eine Sprachnachricht an meine Mama und Schwiegermama. Mit tränenerstickter Stimme und Sirene im Hintergrund. Unfassbar! Bin das wirklich ich? In dieser Situation?

Nach und nach bekam ich Bilder von Zerstörung und Verwüstung geschickt. Chaos herrschte auf den Straßen. Alle wollten sie Heim oder zu Angehörigen oder ihre Kinder aus den Schulen holen. 

Mein ältester Sohn fährt normalerweise, wie meine Tochter, mit dem Schultransport, aber es herrschte Unsicherheit, oben dieser wie üblich fahren würde. Ich konnte nur per Textmitteilung den Fahrer erreichen, der morgens für die Abholung zuständig war. 
Ein in sich gekehrter Mann, etwas grummelig und er grüßt gerade so…
Ich dachte oft: Wie unfreundlich! Und dann wurde ich eines Besseren belehrt.

Er schickte mir eine Sprachnachricht!
Von meinem Sohn.
“Es geht mir gut, Mama!” Nur diese 5 Worte aus seinem Mund!

Er hat meinen Sohn in der Schule gesehen und ihn eine Nachricht für mich sprechen lassen! Ich war so erleichtert!
Es sind ganz oft die kleinen Dinge, die aus Menschen Helden machen. Für mich war er in diesem Moment ein Held. Er rettete mein Seelenheil.

Sehr viel später als sonst, aber immerhin, wurde mein Ältester von einem anderem Fahrer nach Hause gebracht. Noch mehr Helden also – die in dem Chaos einfach weiter ihren Job machten.

Nun fehlte nur noch mein Mann. 
Ich bekam weiterhin Nachrichten, dass Ampeln ausgefallen waren, überall Stau war. Und dann: dass mit Pistolen bewaffnete Männer auf der größten Straße hier im Verkehrsstau von Auto zu Auto gehen… und die Menschen überfallen.
Mir drehte sich der Magen um. 

Stunden später kam er heil nach Hause! Die Straßen war mittlerweile wie leergefegt. Bis tief in die Nacht hörten wir Hubschrauber und Sirenen.
Natürlich tat ich kaum ein Auge zu. Die Kinder waren ziemlich verstört und der Große weinte noch ein paar Tränen.

Als Ruhe einkehrte, lag ich da und lauschte. Es heißt ja, dass die Tiere einen 6. Sinn für Naturkatastrophen haben… 
Nun, ich lauschte, ob sich draußen irgendwas tat. Ein Stift lang auf meinem Nachtschrank direkt an der Kante, für den Fall, dass es noch mal losging… er würde dann runterpurzeln. Außerdem haben wir eine Erdbeben-App seit dem letzten Beben auf dem Handy.

Aber die Nacht verlief ruhig. Gott sei Dank!

Der Schock jedoch sitzt immer noch tief und meine Bestürzung wird nur noch größer, je mehr Bilder ich von der Zerstörung sehe. Wir und viele andere hatten großes Glück, wir wurden nur “innerlich” getroffen.

 


Besonders schlimm jedoch war es für die Menschen in der Hauptstadt.

Welch’ Ironie des Schicksals, dass genau vor 32 Jahren am 19. September 1985 hier die Erde auch schon bebte und um die 10.000 Menschen starben. Ausgerechnet auch an diesem gestrigen Tag hat um 11 Uhr ein Probealarm stattgefunden, um den Ernstfall zu üben und zum Gedenken an die vielen Opfer vor 32 Jahren. Unglaublich, dass nur gute 2 Stunden später, die Erde wieder beben sollte.

Weil Mexiko-Stadt auf einer “Schüssel Wackelpudding” gebaut wurde, wie es gern bezeichnet wird (also auf einem stark wasserhaltigen Grund), kommen hier die Wellen sehr viel stärker an, obwohl die Stadt in diesem Fall weiter entfernt vom Epizentrum liegt als die, in der wir seit über 2,5 Jahren leben: Puebla.
Hier und in den umliegenden Ortschaften gibt es jedoch auch viel Verwüstung.

Zudem gab es eine weitere Nachricht, die nicht unbedingt zur Beruhigung beitrug: Der Vulkan Popocatépetl stieß kurz nach dem Beben eine rote Wolke aus, angeblich folgte Lava.
Die Alarm-Ampel steht nun auf Gelb und ich hoffe sehr, dass sich hier nichts weiter tut…

Und nun?

Ich habe so unglaublich viele Nachrichten erhalten. 
Die Sicherheitsleute, die am Eingang unseres Wohngebiets Tag und Nacht Wache schieben, fuhren die Häuser ab und erkundigten sich nach unserem Befinden und ob beim Haus alles in Ordnung wäre.
Die Vermieterin rief an, gaaaanz viele – eigentlich fremde – Menschen bei Instagram tippten Nachrichten und natürlich die Familie, Freunde sowie gute und flüchtige Bekannte haben sich erkundigt. Das hat sehr gut getan.

Und ganz oft kam die Frage: Warum geht Ihr nicht Heim?! Geht doch einfach Heim! Nach Deutschland! In den sicheren Hafen. 

Einer meiner ersten Gedanken war natürlich auch: Ich will nach Hause! 

Und dann… geht da, wo alles gut ausgegangen ist, das Leben schon wieder weiter. Die Müllabfuhr fährt, die Fensterputzer hängen an Hochhäusern und auch mein Mann ist wieder los zur Arbeit. 
Einerseits mag das gut sein, andererseits ist es irgendwie auch surreal.

Ich bin noch in einer Art Schockstarre. Die Kinder sind Zuhause, weil die Schulen bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Ich habe meine Frühstücks- und sonstigen Verabredungen abgesagt, weil mir die Geschichte noch auf dem Magen liegt. Ich kann nicht einfach so weitermachen. Mich gar an einen Tisch mit Tischdecke setzen, wenn ich im Internet diese Bilder sehe.
Ich bin einfach zu nah dran.
Ich spüre noch immer den Boden schwanken.
Was müssen so viele Menschen gerade durchmachen!

Aber wir gehen jetzt nicht einfach nach Hause. 
Ein Leichtes wäre es sicher. Einfach die Koffer packen und weg mit den Kindern. 

Aber ich möchte meinen Mann nicht zurücklassen. Er hat seinen Job hier, den er nicht mal eben hinschmeißen kann – so wie viele andere auch!
Und die Menschen hier können ja auch nicht einfach weglaufen… Dann lieber irgendwie helfen – egal womit!

Zudem haben wir die Auslandssache gemeinsam begonnen und genau so möchte ich sie auch beenden. Quasi Hand in Hand und Seite an Seite. Auch wenn wir die wenigste Zeit eines 24-Stunden-Tages Seite an Seite verbringen. 

Wenn ich mir vorstelle, ich wäre in Deutschland und hier würde so etwas passieren… So konnte ich meinen Mann wenigstens am Abend in den Arm nehmen!

Keine Frage, ich kann es kaum erwarten, deutschen Boden zu betreten. Ein neues Haus und Leben wartet dort bereits auf uns, aber nur gemeinsam! 

Ohne alle meine Pappenheimer gehe ich nicht!

Eure Buntlocke

 

PS. In den Medien gibt es derzeit viel zu lesen zu diesem Erdbeben.
Folgende Artikel fand ich persönlich besonders interessant:

http://www.spektrum.de/news/ein-beben-wie-kein-anderes/1503277

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-09/mexiko-erdbeben-vorhersagen-seismologie-fruehwarnsystem

 

 

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3 Kommentare auf "Erdbeben in Mexiko und wir mittendrin"

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Heike
Gast

Tränen in den Augen , es fehlen mir die Worte. Ich drücke jetzt nur die Daumen dass der spuck vorbei ist und die Erde rühig bleibt

Birgit
Gast
Auch wenn ich gerade noch geschrieben habe, dass wir es uns annähernd bestimmt nicht vorstellen können, so lief es mir doch gerade eiskalt den Rücken herunter und auch Tränen, die ich nicht halten konnte😢. Wie fürchterlich muss es doch gewesen sein, du mit den beiden Kleinen auf der Straße. Wär doch nur endlich die Zeit dort vorbei, könntet ihr doch endlich im sicheren Heim leben. Nimm dir die Zeit für dich, deine Kinder und auch deinen Mann. Lasst den Schreck ganz schnell hinter euch und versucht alles möglichst schnell zu verarbeiten. Wir sind alle in Gedanken bei euch 🤗Viele Grüße… Read more »
Uta Hanson
Gast

Ich schicke Dir (bzw. euch) ein niederländisches

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