Mexikanischer Küchentisch in Lebensgefahr

Dieses spezielle Auslandserlebnis ist mal wieder so typisch und gehört definitiv in die Abteilung: “Ummm!!!” (Die Momente, in denen der Göga sie liebevoll Marge nennt.)

Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich diese Geschichte bzw. vielmehr deren Ausgang verdaut habe, denn das besagte Möbelstück soll ja das Kommunikationszentrum in unserer neuen Küche werden und somit einen besonderen Platz einnehmen. Und ob ich mich da zukünftig so vorbehaltlos dransetzen kann…
Als selbsttherapeutische Maßnahme setze ich mich und Euch daher heute nochmal auseinander, was einem so widerfahren kann, wenn man sich in die Hände eines mexikanischen Tischlers begibt. 

Aber wie fing die Sache mit dem Tisch überhaupt an:
Wenn Frau sich was in den Kopf setzt, gibt es bekanntlich keinen Weg zurück.
 Hier beginnt die Geschichte über die Suche nach einem Nähtisch.
(Hä? Ich denke Küchentisch!? – Jaaaaa, wart’s ab! – Ah…!)

Frau Buntlocke ist (wie bereits im Post mit den Fakten festgestellt) immer mal wieder und ein bisschen gern kreativ. Da das Stromnetz in Mexiko über eine andere Spannung verfügt, musste meine Nähmaschine in Germanski bleiben. So war ich anfangs etwas am Darben. Hatte ich schließlich kistenweise günstige Stoffe, Knöpfe und sonstigen näh-related Kram auf dem Stoffmarkt in Peking geschossen und um die halbe Welt transportiert.
Also tat der Göga wieder eine seiner wunderbaren Taten und überraschte mich mit einer mexikanischen Singer!

Da in meiner Brust nun die Herzen der Kreativchaos-verbreitenden Nähtante und peniblen Ordnungsfanatikerin um den Platz rangeln, kam ich auf die Idee, einen Nähtisch anzuschaffen, damit der Esszimmertisch wieder seiner ursprünglichen Eigenschaft zugeführt werden kann.  
– Spielzeug-Bastel-Mal-Hausaufgaben-tägliches-Allerlei-und-Plunderablage??? Äh, wo war ich gleich… 

Die anfängliche Vorstellung von was kleinem, einfachem, machte schnell dem Wunsch nach Größe und ausreichend Fläche Platz. Also zuckelten wir ins Stadtzentrum… Ins Zentrum der Tischler und Antik-Trödler!
(In Mexiko ist es üblich, dass Gewerke jeweils in einer Straße angesiedelt sind. Also wirklich mal sehr praktisch – ein Wort welches, äh, ich eigentlich selten mit diesem Land hier assoziiere.)

Das Finden und Kaufen des besagten Nähtisches in entsprechender Größe gingen (bis auf einen Umweg, nämlich den, dass wir bereits einen Tisch hatten und der sich bei Lieferung leider als ehemalige Holzwurm-Villa entpuppte) erstaunlicherweise schnell vonstatten. Mit durften ausserdem noch ein alter Kleiderständer und eine Kupferschüssel von anno Filzlatsch.
Da wir in Mexiko und Regeln deeeeeehnbar sind, haben wir das gute Stück mal eben einfach so unfachmännisch auf dem Dach festgezurrt und sind glückselig nach Hause gefahren.

So bastelte und nähte sie also mehrere Monate fröhlich an diesem grünen Nähtisch vor sich hin.

Bis die Sache mit dem Schweden(zu)hause seinen Lauf nahm und ich in die Verlegenheit kam, eine Küche auszuplanen, die sowohl Platz für eine Kochinsel als auch eine Sitzecke bietet. Von da an war die Zukunft des Nähtisches neu definiert. Er soll wieder seiner ursprünglichen Funktion (denn es war mal ein alter Küchentisch, auf dem Mahlzeiten zubereitet wurden) zugeführt werden. Nur in neuer Farbe!

Also ging die Suche nach einem Tischler los, die es nebenbei bemerkt, in großer Anzahl gibt. Jedoch ist hier architektonisch und auch einrichtungstechnisch “quadratisch, praktisch, gut” die Devise und von Beginn an, hatte ich Bedenken, ob das Ganze denn nicht große Chancen hätte, in die Hose zu gehen.
(Mensch Mädel, hör’ doch auf Dein Bauchgefühl! Nicht das, wenn Du von nebenan wieder Taco-Duft wahrnimmst, sondern das andereee!!)

Unsere Vermieterin legte uns ihren Schreiner ans Herz und ich war nach einem extra Hinweis auf meine derzeitigen Möbel und deren Zustand bereit, das Risiko einzugehen.

Der Plan sah vor:

Farbe von Grün auf Weiß ändern.
Tischplatte (bestehend aus drei Teilen) vergrößern, indem schmale Bretter dazwischengesetzt werden, um eine Gesamtbreite von einem Meter zu erreichen.
Beine kürzen, da es sich um einen Küchentisch handelte, der früher als Insel diente und daher für normale Stühle zu hoch war.

Als der Tischler kam, mal eben grob die Länge der Beine abmaß und anschließend seine kleine Laubsäge rausholte, um an Ort und Stelle tätig zu werden, schrillten bereits alle Alarmglocken in meinem Kopf!
Dann fuhr er mit dem guten Stück in seinem uralten Bully-Bus davon…

Eine Woche später schon war alles erledigt und die Lieferung erfolgte.
Er trug also, nicht ganz ohne Stolz, das Untergestell herein und erntete schon den ersten verwunderten Blick von der Ausländerin… (Ich meine, warum reisen die Kollegen “Tischplatte” und “Untergestell” getrennt an, bitte??)

Dann trug er eine Platte rein, die so gar nichts mit einer Tischplatte zu tun hatte, wie ICH und wohl jeder andere normale Mensch sie sich vorstellen würde und außerdem auch nicht die, die ursprünglich Teil des Tisches war…
“Qué es eso?!?!”, fragte Buntlocke daraufhin (mit schmerzerfülltem Gesicht, denn Bluffen ist nicht ihre Stärke) und er:
Die alte Tischplatte war doch alt und hässlich! Er hat mir eine neue gemacht! Sprich: einmal MDF weiß gestrichen. Und weil dieser tolle, schon ganz leicht angegangene, eine Geschichte erzählende kleine Knopf an der Schublade im Tisch auch “alt und hässlich” war, wurde dieser natürlich ebenfalls kurzerhand durch einen glatten, runden Neuen ersetzt.  
Die vielen “Laufe-Rotznasen” von der Farbe an den Tischbeinen nur mal nebenbei erwähnt!

(…)

Entgleisende Gesichtsszüge bei der Deutschen!!
Der Tisch sah einfach nur grotesk aus! Die plane MDF-Platte auf dem alten Gestell. Mir fehlten die Worte und das kommt ziemlich selten vor!

So verabschiedete ich den Carpintero (Spanisch für Tischler oder Stümper?) mit dem Hinweis, dass wir uns in jedem Fall nochmal bei ihm melden würden.

Am Wochenende darauf rückte Familie Buntlocke geschlossen in der mexikanischen Schreinerei an. Nochmalige lupenreine Instruktion erfolgte:
Tisch lassen so wie er ist (oder vielmehr war!) Nur weiß machen!

Also bitte: alles zurückbauen und die Farbe vorsichtig mit Sandpapier abschleifen! Dann dünn die neue Farbe drauf…
“Claro??” “Claro, que sí…” “Ah, que bueno…!” 

2 Wochen später – also vergangenen Sonntag – dann Folgendes:
Die Tischplatte wurde wieder zurückgebaut, die vielen Löcher, die er beim Abbauen verursacht hatte, geschlossen und der gesamte Tisch  n i c h t  mit Sandpapier, sondern mit einer Drahtbürste bearbeitet, die man auf einer Bohrmaschine befestigt.

Dadurch hat das gesamte Holz inkl. der schönen runden Kugeln an den Beinen tiefe Riefen bekommen. Die Holzoberfläche desTisches ist quasi nun gestreift und zum Teil sind recht große Stücken aus dem alten Holz herausgebrochen. Anschließend hat er dann nicht etwa das Holz gesäubert bevor die Farbe aufgetragen wurde… sondern die Späne und den Staub größtenteils mittels der Farbe schön fixiert und verewigt. Außerdem ist die Farbe viel zu dick aufgetragen und wirkt eher wie Kit. Dass sie stinkt ohne Ende ist dabei nur Nebensache, denn damit haben wir gerechnet.

Und nun? Mit wenigen Worten fertigten wir den Holz-Künstler ab…
Der Tisch bleibt jetzt hier. Für weitere Experimente sind wir zu feige!
Mittlerweile konnten wir den Ärger auch etwas verdauen und darüber schlafen. Leben im Ausland läuft nun mal nach dem berühmten Pralinenschachtel-Prinzip ab. Also, werden wir das machen, was wir viele Jahre weit weit wech von Germanski nun langsam zur Perfektion kultiviert haben:
Aus gegebener brauner, unliebsamer Masse Bonbons machen.
Wir arbeiten selbst nach und hoffen auf ein Happy Ending in unserer Schwedenhaus-Küche.

Wer jetzt sagt: ist doch alles halb so schlimm, der… ist sicherlich ein Glastisch-Typ!

Eure Buntlocke

PS. Immerhin, für das ein oder andere schöne Instagram-Foto kann man ihn gebrauchen. #humoristwennmantrotzdemlacht

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Katinka aus LEBuntlockeAnbavill Recent comment authors
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Katinka aus LE
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Katinka aus LE

Sehr schöne Geschichte, die mich gleich nochmal in meine Mexikozeit zurückbeamt. Das ist es, was das Leben ausmacht. Ist doch langweilig, wenn alles klappt.

Anbavill
Gast
Anbavill

Ihr Armen! Das war wohl ein richtiger Griff ins Mexikanische Pfuschchaos…..Im neuen Haus in Germanski muss ja nicht auf Anhieb alles perfekt sein und auf dem Tisch kann man auf alle Fälle mal gut essen…. da findet sich der Rest (oder die perfekte Lösung) bestimmt auch irgenwann! Vielleicht tröstet euch folgendes Erlebnis: Wir hatten einen ganz ordentlichen Tisch in der alten Wohnung, der dann für die Essecke im Haus zu groß war. Nun ja, was soll ich sagen. Kleingesägt (selbst ist der Mann und die Frau) war er schnell….allerdings meinten wir das einfach zu gut. Wir saßen dann noch etliche… Read more »